O Du Fröhliche

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12 stimmungsvolle Weihnahctsgeschichten
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Verkaufspreis12,95 €
Beschreibung

Renate Welsh erzählt Geschichten von Weihnachten: von Pfütze, der Katze, die einer Familie zu Weihnachten zuläuft, von schrägem Trompetenklang statt Blockflötenharmonie, von einem kleinen roten Feuerwehrauto auf dem Friedhof, vom Nikolaus und vom Krampus, vom Christkind und vom Jesukind. Zwölf stimmungsvolle Kurzgeschichten zu Weihnachten, die abseits der ausgetretenen Pfade nach dem „echten“ Weihnachten fragen und zum Nachdenken in der Adventszeit anregen können.

 

 

Leseprobe:

Die Maroni waren richtig heiß, er verbrannte sich fast die Finger beim Schälen der ersten. So gut hatten sie nur geschmeckt, als er noch klein gewesen war und mit seinem Großvater Maroni gegessen hatte. Damals war das Stanitzel aus Zeitungspapier gewesen. Die Schalen hatten sie nach Hause mitgenommen und im Herd verbrannt. Die hatten anders geknistert als Holz. Direkt gegenüber ging in zwei Fenstern Licht an. Das eine Fenster füllte ein riesiger Christbaum, Kugeln glänzten in allen Farben, Wunderkerzen spuckten Sterne, Gold glitzerte. Man sah schön gekleidete Menschen singen, im Hintergrund begleitet von einer zarten Frau am Klavier. Münder, die auf und zu gehen, sehen schon sehr seltsam aus, dachte der Schneeschaufler. So ganz ohne Ton. Man versucht zu raten, welches Lied sie gerade singen. Er wusste es nicht. In dem zweiten Fenster versuchte ein Mann, eine Glühbirne auszuwechseln. Es gelang ihm nicht. Er stieg auf einen Stuhl, streckte sich, viel zu weit. Gleich fällst du, dachte der Schneeschaufler. Du bist doch wirklich ein Trottel, in deinem Alter solltest Du es besser wissen. Da hüpfte der Mann überraschend geschickt herunter. Der Schneeschaufler war richtig erleichtert. Jetzt würde der Mann doch den Stuhl dorthin rücken, wo er leichter an den Luster herankam. Aber nein. Den Kerl hatte der Ehrgeiz gepackt. Der Schneeschaufler schüttelte den Kopf. Er hatte keine Lust, einem Unfall zuzuschauen. Soll ich einen Schneeball gegen das Fenster werfen? Aber dann würde der Mann erschrecken und erst recht vom Stuhl fallen. In dem Moment ging hinten im Zimmer eine Tür auf, ein junger Mann kam herein, und der Alte hielt ihm die Glühbirne entgegen. Der Schneeschaufler schälte eine zweite Maroni. Was raschelte da rechts von ihm? Jetzt sah er das Eichhörnchen, das auf den Hinterbeinen saß, den Schwanz in der Höhe, und ihn anschaute. Mit möglichst langsamen Bewegungen reichte er ihm die Maroni. Das Eichhörnchen drehte sie in den kleinen Händen hin und her, dann knabberte es ein Stück ab, drehte die Maroni weiter, biss wieder ab – weg war sie. Mit deutlichen Ke-ke-keck-Schnalzlauten forderte es ihn auf, weitere Maroni herzugeben. Der Schneeschaufler lachte. Das Eichhörnchen ließ sich nicht stören. Im Haus gegenüber wurde ein neues Fenster hell. Ein Mann im Rollstuhl fuhr zum Fenster, es sah aus, als drücke er die Nase an das Glas. Plötzlich wandte er sich um, hinter ihm tauchte eine Frau auf. Sie stellte eine Kerze auf das Fensterbrett, zündete sie an und setzte sich. Die beiden waren jetzt von der Seite zu sehen, und sie sprachen miteinander. Es wirkte vertraut. Euch geht’s gut, dachte der Schneeschaufler. Ke-ke-keck, schnalzte das Eichhörnchen. „Dich versteh ich wenigstens“, sagte der Schneeschaufler. „Aber du bist ja auch leicht zu verstehen. Nur damit du’s weißt: Die Maroni sind nicht alle für dich.“
Das Eichhörnchen drehte sich wie ein Kreisel und rannte mit wehendem Schwanz davon. „BeleidigteLeberwurst!“, rief er ihm nach. Die Maroni waren nicht mehr heiß, aber sie schmeckten fast genauso gut.